Die Geschichte der Büroklammer

Norwegisches Symbol im Widerstand gegen die Nationalsozialisten

06.12.2008 Klaus J. Schwehn

Dieser kleine Gebrauchsgegenstand hat viele Väter und ist vielfältig nutzbar. Das kaiserlich-deutsche Patent erhielt der Norweger Johan Vaaler im Jahr 1899

Wer sich aufmacht, bei den großen Suchmaschinen im Internet nach der Geburt und der Geschichte des kleinen drahtigen Dings zu suchen, trifft zunächst auf Verlegenheit. „Die Sumerer waren es“, mutmaßt ein Blogger. Könnte es sein, dass dieses hochkultivierte Völkchen schon vor zig 1.000 Jahren seine Gesetzestexte auf Papier geschrieben hat? Dann könnte es auch nahe liegen, dass die Sumerer BÜROKLAMMERN brauchten; sie also auch erfunden haben. Es ist aber wenig wahrscheinlich, denn das Papier haben die Chinesen erst viel später erfunden. Und die Europäer und Amerikaner der Neuzeit sind sowieso anderer Meinung. Jedenfalls, was das Patent auf diesen nützlichen Gegenstand anbelangt: Mehr als 20 Erfinder und Patente listet das „Early Office Museum“ in Hickory Hills, Illinois (USA) auf.

1899 gab es das kaiserlich-deutsche Patent

Aber um die eigentliche Urheberschaft hat es immer wieder Streit gegeben. Zwar hat sich der Amerikaner Samuel B. Fay im Jahr 1867 in den USA ein erstes Patent auf die Büroklammer ausstellen lassen, und eine britische Firma brachte auch um 1890 einen Büroklammer-Typ auf den Markt, aber in Wahrheit ist sie eine zutiefst norwegische Angelegenheit: Denn der am 15. März 1866 in Aurskog nahe Oslo geborene und am 14. März 1910 in Kristiana, heute Oslo, gestorbene Johan Vaaler, Physiker und Mathematiker, Mitarbeiter in einem Osloer Patentbüro, erhielt am 12. November 1899 das kaiserlich-deutsche Büroklammer-Patent. Ein deutsches deshalb, weil Norwegen zu dieser Zeit noch kein Patentrecht hatte. Sein Patent war das erste weltweit gültige „für eine nicht das Papier verletzende Papierklammerung“. Ihr fehlte allerdings, im Gegensatz zum heutigen Gebrauchsgegenstand, die innerste Biegung.

In Oslo ein sieben Meter hohes Denkmal

Die Büroklammer, zunächst für Johan Vaaler kein wirtschaftlicher Erfolg, wurde dann allerdings für die Noweger zu einem Symbol; zu einer Klammer in dem während des Zweiten Weltkriegs von den Deutschen besetzten Land: Nach der Okkupation im Jahr 1940 trugen die Norweger die Büroklammer am Jackenkragen und bekundeten so ihre Solidarität untereinander und ihre Loyalität gegenüber König Haakon VII und der Regierung, die nach England hatten emigrieren müssen. Die Büroklammer also als Symbol des Widerstands gegen die nationalsozialistischen Besatzer. Es kam, wie es kommen musste: Bald war in Norwegen das Tragen der Büroklammer unter Androhung harter Strafen verboten. Dieser unscheinbare Bürogegenstand hat nach dem Zweiten Weltkrieg als Beispiel politischen Widerstands in Oslo ein Denkmal erhalten. Es ist eine sieben Meter hohe Büroklammer. Und 100 Jahre nach der Erfindung, 1999, haben ihr die Norweger eine Briefmarke gewidmet.

Ein Buch-Lesezeichen darf die Büroklammer nicht sein

Jetzt, im 21. Jahrhundert, in dem die Schreibmaschine verschrottet ist und Emails mitsamt dem Surfen im Internet endgültig die Oberhand gewonnen haben, ist mehrfach das Absterben der Schreibpapiernutzung und damit auch der Tod der Büroklammer vorausgesagt worden. Das Gegenteil ist der Fall. Denn der eifrige Surfer braucht den Drucker – und somit mehr Papier als zuvor. Und wer die Büroklammer nicht benötigt, um die Anlagen zur Steuererklärung zusammenzuheften, kann das im Normalfall 2,7 x 0,7 cm kleine Ding nutzen, um im Büro mit fahrigen Händen Büroklammern zusammenzufädeln (weil dort das Rauchen verboten ist), kann Leimtuben entstopfen oder Schlösser knacken. Es gibt vielerlei Anwendungsmöglichkeiten. Zweierlei allerdings ist tabu: Damit in den Zähnen zu bohren (zerkratzt den Zahnschmelz) oder sie als Buch-Lesezeichen zu missbrauchen (hinterlässt hässliche Druckstellen).

Die Büroklammer zum Start eines Tauschrausches

Man kann schließlich mit der Büroklammer auch reich werden. Das hat der 25 Jahre alte arbeitslose Kanadier Kyle MacDonald in einem Tausch-Kettengeschäft erfolgreich durchgespielt: Er bot eine Büroklammer zum Tausch an, erhielt dafür einen Kugelschreiber in Fischform, der in einen Türgriff mit Nase umgetauscht wurde... Und so ging es weiter und weiter. Nach einem Jahr und 14 Tauschgeschäften hatte er ein Haus, renoviert, zweigeschossig. Seinen Tauschrausch hat er in einem Buch beschrieben. „One Red Paperclip“ (Random House) heißt der Roman.

Letztendlich hat dieser nützliche Gegenstand auch Einzug in die deutsche Politik gehalten. Die Grünen, über lange Jahre hinweg Koalitionspartner der Sozialdemokraten in Hessen, nannten den SPD-Ministerpräsidenten Hans Eichel wegen dessen Akkuratesse liebevoll-spöttelnd eine „bebrillte Büroklammer“.

Der Artikel Die Geschichte der Büroklammer in Westeuropäische Geschichte unterliegt dem Urheberrecht. Jegliche Verwendung dieses Textes, auch auszugsweise, erfordert die vorherige schriftliche Erlaubnis des Autors. Autor des Artikels Die Geschichte der Büroklammer ist Klaus J. Schwehn.
Büroklammer heute, Schwehn Büroklammer heute
Büroklammer damals, litblogs Büroklammer damals
Klammer - literarisch, Random House Klammer - literarisch
;